Schöne Qualen im Café
20.02.2009 - von Heidy Gasser
Autorin Heidy Gasser liest auch in Cafés
Lesen in Cafés. Das ist so eine schöne Idee. Cafés liebe ich und erlebe immer "Qualen" vor den verlockenden Auslagen, weil ich zu viele Dinge probieren möchte. Vatererbe – wir hätten in Kuchen versinken können.
Heidy Gasser wurde 1957 in Lungern (Obwalden) geboren und wuchs auf einem Bergbauernhof auf. Sie arbeitete als Praxisassistentin und ist heute zu ihren Wurzeln zurückgekehrt. Jetzt bewohnt sie ein hoch gelegenes Maiensäss und ist zum Teil freischaffende Schriftstellerin. Heimat und Enge, Verwurzelung und Befreiung sind Grundmotive ihres Schreibens. Lebensgeschichten faszinieren sie, was zu zahlreichen biographischen Büchern führte, die süffig und humorvoll daherkommen und emotional berühren. Daneben fabuliert sie auch gerne, schrieb Kindergeschichten, Kolumnen und Kurzgeschichten in Hochdeutsch oder Dialekt, viele davon für Radio DRS. Sie erhielt zahlreiche Preise und erachtet als höchstes Kompliment, wenn sie Menschen mit ihren Texten umgarnen kann, die sonst wenig lesen.
Publikationen von Heidy Gasser
Trilogie der Lebensgeschichte von Friederike Gasser: Saure Suppe, 1994 / Das Mägdli, 1995 / Schwarze Röcke trag ich nicht, 1997, orte Verlag, Zelg-Wolfhalden
Mutter Helvetia, Biographie, 2004, edition magma, Brunner Verlag, Kriens
Hochspannung, 2005, Leben für die Kraftwerke Oberhasli, (Arbeiterbiographien), Brunner Verlag, Kriens
Eine Zeitreise, In 150 Jahren vom Bürgerspital zum Zuger Kantonsspital, 2007
Mitarbeit bei zahlreichen Anthologien wie z.B.:
• Einst in Obwalden. Fotografien erzählen Geschichten, 1999, edition magma, Brunner Verlag, Kriens
• Z’frede see, Chapf-Köbi, Biographie, 2002, orte Verlag, Zelg-Wolfhalden
• Das fünfte Zimmer, 2003, edition magma, Brunner Verlag, Kriens
• Wo mini Stube isch, bin ich dehaime, (Biographie der Wirtin Sylvia Lameraner), 2004, orte Verlag, Zelg-Wolfhalden
• Sie freuen sich immer, mich zu sehen, Geschichte und Geschichten aus dem Rütimattli, einer Obwaldner Institution für Menschen mit Behinderung, edition eigenART, 2007
Preise / Auszeichnungen
Kulturpreis der Sarnafil
Requiem für Adora
Kurz vor ihrem 35. Geburtstag starb sie an Altersschwäche. Sie hatte ein letztes Mal die rotweiss karierte Bettwäsche der Feriengäste gewaschen, weich gespült und geschleudert. Die Handtücher verweigerte sie, sprach auf kein Programm mehr an. Der herbeigerufene Servicetechniker diagnostizierte nur noch Totalschaden. Für so alte Maschinen hatte er ohnehin keine Ersatzteile mehr. Er wunderte sich, dass so ein Fossil noch gewaschen hatte. Bevor er ging, legte er einen Prospekt mit den neuesten Modellen auf den Küchentisch. Wir wischten ihn in die nächste Schublade. Heimlich hofften wir auf ein Wunder. Am liebsten hätten wir den Geistheiler angerufen, der hoch über dem Tal seine geheimnisvolle Praxis betreibt. In 35 Jahren war Adora irgendwie lebendig geworden. Doch wir wollten uns nicht lächerlich machen. Es war schon sonderbar genug, dass wir vor ihr sassen und ihr ganzes tätiges Leben Revue passieren liessen.
Ich war noch ein Kind, als sie als junge Waschmaschine zu uns gekommen war. Ihre Vorgängerin war eine Art elektrisches Waschbrett gewesen, ein rumpelndes Ungeheuer, das nur ein einziges Programm hatte und lief und lief. Zum Auswinden brauchten wir ein Zusatzgerät, das wir festhalten mussten, damit es nicht durch die ganze Küche hopste. Adora war ein Wunderding. Bei der ersten Wäsche sassen wir andächtig vor der Maschine und starrten auf die durchsichtige Glasscheibe, hinter der es sich geheimnisvoll drehte. Es war eine Art Fernseher oder Meditationsgerät, sehr beruhigend, wenn man länger hinsah. Unser Tigerkater Butz war so fasziniert von ihr, dass er stundenlang vor ihr sass und mit dem Kopf die Bewegungen nachvollzog. Wir fürchteten, dass er sich einen Genickschaden holen könnte und scheuchten ihn hinaus auf die Wiese. Doch er liebte die Waschmaschine und kroch sogar in sie hinein, wenn schon ein bisschen Wäsche darin lag. Einmal hätten wir ihn beinahe mitgewaschen.
Anfänglich stand sie in unserer grossen Küche, mitten im Zentrum unseres Lebens. Jahre später wurde sie ins Badezimmer verbannt. Sie wusch unentwegt, arbeitete manchmal halbe Nächte hindurch. Ab und zu überschwemmte sie das Badezimmer. Der Techniker wechselte dann einen Schlauch, der wieder einige Jahre hielt. Kater Butz wurde alt und hatte es längst aufgegeben, seinen Hals vor der wirbelnden Wäsche zu verrenken. Jetzt liebte er es, oben auf der Maschine zu schlafen. Die Waschbewegungen tief unter ihm vibrierten so schön, lockerten seine Muskeln. Nur den Schleudergang hasste er.
Einige Tage wollten wir noch nicht glauben, dass Adora für immer fertig gewaschen hatte. In der Badewanne türmte sich schmutzige Wäsche. Doch Adora blieb stumm. Da bekam meine Mutter Besuch von einem Freund. Er kam mit seiner Klarinette und spielte die alten Lieder, die meine Mutter früher gesungen hatte. Wie immer himmelte sie ihn an. Alte Liebe rostet nicht. Sie hatte Schokoladentorte gebacken. Diese himmlische Torte war auch der Grund, warum Ernst gekommen war. Meine Mutter brauchte nur nebenbei am Telefon zu erwähnen, dass sie gerade am Backen sei. Schon fragte er nach: „Schokoladentorte?“. „Selbstverständlich Schokoladentorte, was denn sonst!“ Sie brauchte ihn nicht einzuladen. Er lud sich selbst ein. Nach zwei Stück Torte war er bereit ein wenig vorzuspielen. Meine Mutter fragte ihn, ob er auch ein Trauerlied spielen könne. Die Waschmaschine sei gestorben. Ernst ist nicht so leicht zu erschüttern. Er fand einen Trauermarsch, lehnte die Noten an den Berg wartender Wäsche und spielte für Adora. Es wurde feierlich im Badezimmer. Erst jetzt brachten wir es fertig, sie in der Sperrgutssammlung abzugeben.
Mittlerweile haben wir eine neue Adora. Sie hat mehr Programme als ihre Vorgängerin und sie wäscht weisser. Doch die Beziehung zu ihr bleibt sachlich. Adora I ist und bleibt die erste Waschmaschine in unserem Leben. Es ist wie mit der ersten Liebe oder dem ersten Auto. Gewisse Gefühle lassen sich nicht wiederholen.
Heidy Gasser

