Ein Leben ohne Cremeschnitten
08.02.2009 - von Erich Karrer
Erich und Karin Karrer, Aussteiger/Umsteiger/Einsteiger
Als ehemaliger Einwohner von Unterägeri kenne ich das Cafe Brändli natürlich fast in- und auswendig.
Stammgäste - ja, sowas gibt es nicht nur in Restaurants - die jeden Tag den gleichen Tisch in Anspruch nahmen, fast immer das gleiche Thema verhandelten (na, sie wissen schon, was hat die den heute wieder an usw.), entlockten mir jeweils ein Schmunzeln. Nicht dass ich etwa Zeit gehabt hätte auch jeden Tag das Cafe aufzusuchen, aber ging ich hin, sagen wir Morgens um 09.00 Uhr, die Damen waren dort anzutreffen.
Nicht gerade heilig, aber wann immer es für mich und meine Frau möglich, der Sonntag war der Tag, dem Cafe einen Besuch abzustatten. Nicht der Kaffee selbst war der Trieb unserer Begierde, Cornet und Cremeschnitten hiess das Ziel.
Inzwischen sind 7 Jahre vergangen, vieles hat sich veraendert. Wir sind ausgestiegen, haben den Absprung rechtzeitig geschafft. Raus aus der beruflichen Tretmuehle, der Druck auf Schultern und Magen ist gewichen, schlaflose Naechte gehören der Vergangenheit an. Fernab der alten Heimat sind wir umgestiegen, betreuen unser eigenes Ferienresort. Wir geniessen unseren neuen Lebensstil und haben gefunden, was sich viele Menschen auf irgendeine Art wünschen, eine Lebensqualitaet, die das Wort auch verdient. Um Stress zu definieren sind wir inzwischen schon auf die Hilfe von geplagten Mitarbeitern einer Europäischen Firma angewiesen.
Was sich hier, tausende von Kilometer von Unterägeri entfernt nicht geändert hat, ist die Reihenfolge der Wochentage. Auch in Canada ist der siebte Tag ein Sonntag, und da beginnt unser Dilemma. Im Umkreis von 200 km konnten wir bisher keine Konditorei ausfindig machen, die nur annaehernd ähnliches wie Cremeschnitten oder Cornet anbietet wie wir es uns gewohnt waren. Ein wenig Trost fanden wir bei Tim Horton, ein Cafe mit Frischbackwaren (tiefgefroren angeliefert und frisch aufgebacken) wo Gipfeli nach europäischem Stil angeboten werden. Und siehe da, auch dort gibt es Stammgäste. Inzwischen gehören wir auch dazu.
Vor einigen Wochen erhiehlten wir einen Tip, nämlich die Adresse eines Schweizer Bäckers, nicht mal eine Fahrstunde von uns entfernt. Gross war die Hoffnung dort unsere Gelüste befriedigen zu können. Nein, leider stelle er keine Suessigkeiten her, er habe sich ganz auf die Herstellung von Brot spezialisiert. Aber die importierten Appenzeller Biberli seien garantiert Made in Switzerland, versicherte uns der Mann, der offensichtlich sehr gut verstand, wo uns der Schuh drückt. Ein Stück Heimat waren die kleinen, braunen, runden Dinger ja schon, aber eben noch lange kein Ersatz fuer Schnitten und Cornet.
In der Winterzeit fahre ich Schulbus, ein Einstieg, der eigentlich nie geplant war. Da mir die Fahrerei aber Spass macht, transportiere ich nun bereits die 6. Saison Kinder von deren Wohnort zur Schule und retour. Süssigkeiten gehören bei Kindern und Jugendlichen offensichtlich zur Grundnahrung. Unmengen von zahnfeindlichen Speisen werden, meist auf der Nachmittagsroute, von meinen Fahrgaesten vertilgt.
Meine Frau hatte die glorreiche Idee, die Schüler zu fragen. Die wissen bestimmt, wo man bekommt, wonach es uns seit Jahren gelüstet. Um es vorweg zu nehmen, die Enttäuschung war gross. Nicht einer der 35 Jugendlichen konnte mir weiterhelfen. Das Gesuchte figuriert schlicht und einfach nicht auf deren Menüplan.
So bleibt uns weiterhin nur die Hoffnung, dass eines Tages ein Besucher aus der Schweiz kommt und uns nebst Käse und Aromat einen kleinen, viereckigen Karton mit dem Inhalt unserer Träume, Cremschnitten und Cornet aus Unteraegeri, überreicht.
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