Ironische Cafélesungen
20.02.2009
Peter Weingartner schreibt kurze und witzig ironische Texte
Gibt's was Besseres, als bei Kaffee mit Kuchen von witzigen und frechen Texten unterhalten zu werden?
Kurzbiografie Peter Weingartner
1954 geboren, aufgewachsen in Buchrain (LU), 1974 Matura Typus B in Luzern
zwei Jahre Sekundarlehrer in Luthern
Seit 1981 Sekundarlehrer in Triengen; seit 7 Jahren je 50 Prozent Lehrer in Triengen und Redaktor bei der Aargauer Zeitung in Aarau
erste Texte 1975 in LNN (Gedichte, Kurzprosa)
ab 1982 ein gutes Dutzend Hörspiele, mehrheitlich in Mundart, für Radio DRS 1, das letzte, „Teilete“, wurde im Herbst 2007 gesendet; zwei Chnebelgrinde „Iisemoritz“ und “„Stübi Müüs und Rosa“ (Regie Geri Dillier), produzierte auch Radion Bremen in Plattdeutsch. Dieses Jahr im Februar: Schreckmümpfeli „Der Totenschein“. Das Kurzhörspiel (20 Minuten) „Schwäfu“ wurde Ende April 2008 als Einstieg in eine Doppelpunkt-Sendung zum Thema Burnout gesendet.
„Stübi Müüs und Rosa“ habe ich umgearbeitet zu einem Theaterstück. „Amstutz Konrad, Weltgesetzerfinder“, Premiere war im April 08 in Sarnen. Ein Pro-Helvetia-prämiertes Projekt mit Musik und Bild, zu dem ich den Text beisteuern konnte (Präsentation im September 08 in St. Gallen, auf Tournee 2009). Im Mai/Juni 2009 Theater „Der Unterbruch“ im Bahnhofbuffet Göschenen.
daneben Kurzprosa (Beiträge in Zeitschriften und Anthologien)
erstes „ganzes Buch“ 2006: Stühle im Zug, edition magma, Brunner-Verlag
Im Herbst 2009 folgt eine Kurzgeschichtensammlung in der Edition 8.
Mitglied AdS, ISSV, Pro Litteris
Was kann man von meiner Lesung erwarten?
Ich lese Texte aus „Stühle im Zug“ und solche aus meinem im Herbst 2009 erscheinenden neuen Buch. „Stühle im Zug“ versammelt fünf Dutzend Kürzest- bis Kurztexte, unterhaltsam, aus dem Leben gegriffen, vielleicht etwas überdreht, aber durchaus mit Wiedererkennungspotenzial. Es sind zugespitzte, eben pointierte, dichte Texte, die erfahrungsgemäss gut ankommen. Nachdenklich, ironisch. Die Texte eignen sich für Lesungen, da sie jeweils abgeschlossen sind und nicht Teile eines grossen Ganzen.
Ich konnte schon mehrfach lesen, seis auf Einladung von Kulturkommissionen, Bibliotheken, einmal auch als Rahmenveranstaltung einer Bilderausstellung. Im letzten Dezember machte ich mit einer Musikerin ein Adventsprogramm (etwa 75 Minuten), das seht gut ankam. Auf Wunsch kann ich Referenzen angeben.
Und hier zwei kurze Kurzgeschichten und eine Fabel aus „Stühle im Zug“, als Leseprobe sozusagen:
Die Bank
Die Holzbank an der Hauswand, verwittert ist sie, da dem Wetter ausgesetzt. Und nun immerhin bereits 33 Jahre alt. Die Frau des Hauses hatte selten darauf gesessen, denn sie fühlte sich ausgestellt den Leuten, die auf der Strasse vorbeigingen, sagte sie.
Der Mann des Hauses war einverstanden damit, als Sichtschutz mehrere Sträucher anzupflanzen im Garten zwischen Hausmauer mit grüner Gartenbank und der Strasse. Die kleine Böschung vor dem tiefer gelegenen Gemüsegarten bot sich dazu geradezu an.
Die Frau des Hauses, unterdessen 13-fache Grossmutter, sitzt nun nicht öfter auf der verwitterten, ehemals grün gestrichenen Bank an der Hauswand. Die Büsche in der Böschung, sagt sie heute, nähmen ihr die Sicht auf die Strasse. Auf die Leute, die vorbeigehen.
Fröhliche Frauen
Frau Sommer, Frau Halder und Frau Burch frönen, seit ihre Gatten verschieden sind, einem fröhlichen Lebenswandel. Da staunen selbst die Kindeskinder. Sie blühen auf, was sich darin äussert, dass sie mehr auf ihr Äusseres geben als die Jahre zuvor: farbige Kleider, farbige Lippen, farbige Haare sogar. Immer häufiger sieht man sie im Kaffee beisammensitzen, wo der junge Gerant sich hingebungsvoll ihrer annimmt. Die jungen Frauen reagieren eifersüchtig, freilich bloss indirekt, indem sie spötteln und gifteln.
Die drei Frauen haben das Leben wiederentdeckt. Sie tun, was sie ihr Leben lang nie getan haben: Ins Kino gehen sie, sonntagnachmittags, in die Stadt! Als einer von ihnen beim Lachen über die Kinowerbung das Gebiss bös verrutschte, lachten sie weiter, bis es gänzlich aus dem Mund fiel. Mit ihrer wiedergewonnenen Selbstsicherheit haben sie nach der Vorstellung den Ableger eines amerikanischen Hamburgerbudenkonzerns erobert.
Frau Burch, Frau Halder und Frau Sommer müssen mit ihrer Rente haushalten. Wenn das Geld gegen Ende Monat auszugehen droht, falls es sie ankommt aber auch ohne Not, blättern sie die Gratisanzeiger durch auf der Suche nach Gewerbetreibenden, welche zum Tag der offenen Türe einladen, zur Probefahrt, zur Neueröffnung, zur Präsentation der neuen Kollektion, zur Geschäftsübergabe. Kaum ein Samstag, da sie nicht unterwegs sind.
Die drei Frauen holen sich ihre Fleisch- und Käsehäppchen, und manch einer hat schon geglaubt, ihnen einen neuen Staubsauger oder aber ein Porzellan-Service unterjubeln zu können. Nein, sie wissen, was sie wollen. Frau Sommer schlägt sich den Bauch mit Salzgebäck voll, Frau Halder mimt jeweils die Interessierte, derweil Frau Burch beim Wein zuschlägt. "Sie müssen sie nicht öffnen", sagt sie der verdutzten Frau des Hauses, als diese zum Apéro ein Glas füllen will. Und steckt die Flasche ins Handtäschchen.
Das Faultier
Irgendwo hatten die Tiere des Waldes Ähnliches gehört, und nun taten sie desgleichen: Sie verteilten Auszeichnungen für besondere Verdienste und Leistungen. So wurde dem Papagei der erste Preis für Buntheit zugesprochen, dem Chamäleon jener für Anpassungsfähigkeit, der Schlange eine Auszeichnung für ihre ausserordentliche Fähigkeit, Geschwindigkeit und Lautlosigkeit in der Bewegung optimal verbinden zu können. Das Faultier aber erhielt den ersten Preis für vorbildliche Leistungen auf dem Gebiete des Energiesparens. Warum nur wunderten sich die Angehörigen des noblen Preiskomitees, als das Faultier der Preisverleihung fernblieb?

